Alles in der heutigen Zeit ist Modetrends unterworfen – so auch die Pädagogik. Zur Zeit werden wieder Grenzen und Verhaltensmaßregeln als Allheilmittel für die Erziehungsproblemen mit Kindern hingestellt. Doch die skeptische Frage, kann dem wirklich so sein, ist mehr als berechtigt. Grenzen sind für die Entwicklung von Kindern ohne Zweifel sehr wichtig und helfen Ihnen nicht nur sich später in der Gesellschaft zurecht zu finden. Doch gehören einige Punkte genau angesehen, bevor Grenzen gesetzt werden. Ich möchte zunächst auf drei Bereiche eingehen:

  1. Aus welcher Motivation heraus möchte der Erwachsene diese oder jene Grenze setzen?
  2. Ist die Grenze eine, die das Kind auch verstehen und einhalten kann?
  3. In welcher inneren Welt befindet sich das Kind gerade und wird diese Grenze das Kind in seiner Entwicklung einschränken oder fördern?

Die folgende Auseinandersetzung zu diesem Thema gibt einen ersten Überblick über die Problematik. Obwohl ich sie äußerst kurz gehalten habe ist sie für Webseiten verhältnismäßig lange ausgefallen. Nehmen sie sich also ein wenig Zeit, um sich mit Grenzen auseinander zu setzen. Selbstverständlich ist eine intensivere und persönlichere Auseinandersetzung in einer Beratung oder Fortbildung in meiner Praxis möglich.

ad 1: Warum Grenzen gesetzt werden.

Innere Motivationen, Wünsche oder Ängste sind für die Gestaltungen von Beziehungen ganz entscheidend. Diese kommen in Handlungen zum Ausdruck, ob man es nun möchte oder nicht, ob sie einem bewusst sind oder nicht. So kann es leicht sein, dass man als Eltern seinen Kindern eine Grenze setzt, ohne wirklich zu wissen warum. Gründe für Grenzen können sein, dass man es immer schon so gemacht hat, dass man es als Kind auch nicht anders erlebt hat, dass man Angst hat, das Kind könnte sich verletzen, dass man fürchtet als Eltern von anderen kritisiert zu werden, dass man fürchtet das Kind könnte einem “über den Kopf wachsen” und vieles mehr. Aber auch die Motivationen warum man Grenzen nicht setzt sind oft nicht wirklich bewusst. Sie könnten aus der Befürchtung heraus unterlassen werden, dass einen das Kind nicht mehr mag, wenn man ihm dieses oder jenes verbietet. Oder dass man dieses oder jenes als Kind selbst gerne gehabt hätte und es nun dem eigenen Kinder nicht verbieten möchte. Oder dass man einfach keine Idee hat, ob man das Kind dies machen lassen kann oder nicht und es vorsichtshalber gleich verbietet oder eben nicht.

Die eigenen Kinder konfrontieren einen mit der eigenen Kindheit, mit alten Sehnsüchten, Wünschen, Ängsten, Verletzungen u.a.m. Auch dieses Wiederbeleben der Eindrücke aus den eigenen Kindheitstagen sind meist unbewusst bzw. werden versucht zu verdrängen, um die damit verbundenen Emotionen nicht spüren zu müssen. Sie haben aber ganz klar ihre Macht im Umgang mit dem eigenen Kind bzw. als Lehrer mit dem anvertrauten Kind. Und eben auch beim setzen oder nicht setzen von Grenzen kommen sie zum Ausdruck. So geschieht es immer wieder, dass Kinder mit unausgesprochenen Erlebnisbildern konfrontiert werden, die eigentlich eine Generation vorher entstanden sind. Vieles davon ist auch nicht schlecht und macht mit unter auch die Facettenartigkeit der verschiedenen menschlichen Charaktere aus und hat durchwegs etwas liebenswertes. Doch wenn Konflikte aus anderen Lebenszusammenhängen die Beziehung und Erziehung in der Familie und zum Kind negativ beeinflussen, dann ist es meist unumgänglich, sich diese Konflikte genauer anzusehen, um der Entwicklung des eigenen Kindes, nicht im Wege zu stehen.

Haben sich Eltern Konflikte und innere Bilder aus den eigenen Kindheitstagen bewusst gemacht und ihnen den gebührenden Platz gegeben, dann wird auch meist der Umgang mit dem eigenen Kind klarer und sicherer. Dies führt wiederum dazu, dass sich das Kind sicherer in der Familie gehalten fühlt und sich besser entwickeln kann.

Für die psychoanalytische Sichtweise der psychischen Entwicklung des Menschen hat Sigmund Freud formuliert, dass das Über-Ich aus den Vorbildern von Mutter und Vater entsteht. Als das Über-Ich soll eine innere Instanz versinnbildlicht werden, die dafür verantwortlich ist, dass ein Mensch sich so in eine Gesellschaft einfügen kann, dass er weder mit dieser Gesellschaft noch mit seinen inneren Trieben in gröbere Konflikte gerät. Dies ist aber eigentlich nur dann möglich wenn klare aber auch tolerante Vorbilder (Grenzen) von der Eltern vermittelt werden. Zur Verdeutlichung zwei Beispiele, die die beiden äußersten (und damit nicht empfehlenswerter) Eckpositionen darstellen sollen. Anna Freud schreibt: “Wir lernen etwa die neurotischen Hemmungszustände kennen, die dadurch entstanden sind, dass eine … Triebregung sehr früh und energisch unterdrückt und dadurch von der Befriedigung völlig abgehalten worden ist” (Die Schriften der Anna Freud, S. 185). Dies soll heißen, dass eine frühe totale Unterdrückung von kindlichen Wünschen dahin führen kann, dass das Kind einen neurotischen Krankheitszustand ausbildet. Weiter: “Andererseits lernen wir Krankheitsformen kennen, wie etwa die Perversionen oder bestimmte Formen der Dissozialität, die dadurch gekennzeichnet sind, dass das Kind an einer infantilen (kindlichen) Form von Triebbefriedigung ausschließlich festhält oder zu ihr zurückkehrt. In der Geschichte eines auf solch Weise Erkrankten finden wir gewöhnlich ein bestimmtes Ereignis, eine Verführung, einen Schock, ein plötzliches Erlebnis, dass dieser speziellen Triebregung den Durchbruch zur vollen Befriedigung gestattet hat” (e.d.). Damit steht also auf der anderen Seite ein totales Ausreizen von kindlichen Trieben, dass in weiterer Folge zu Krankheitsbildern wie Perversion oder Dissozialität führen.

Auch in der Pädagogik gab oder gibt es die verschiedensten Positionen die zwischen “Was das Kind mitbringt, ist gut. Wir müssen es achten, dürfen es nicht stören” und dem Gegenteil davon was in folgendem schlechten Witz zum Ausdruck kommt: “Die Mutter sagt zum Kinderfräulein: Gehen Sie hinein, schauen Sie, was die Kinder machen, und verbieten Sie es Ihnen” (e.d. S. 183).

ad 2: Versteht das Kind worum es geht?

Eng mit dem zuvor behandelten Problemen ist die Frage verbunden, sind die Grenzen für das Kind verständlich und nachvollziehbar. Handelt es sich wie oben beschrieben um frühere Erlebniszusammenhänge der elterlichen Kindheit, wegen denen eine Grenze gesetzt wird, dann ist es oft so, dass das Kind den Zusammenhang zwischen seinem Handeln und den Grenzen nicht verstehen kann. Dadurch kann es sich auch nur schwer an die gesetzte Grenze halten. Kinder ebenso wie Erwachsene wollen Orientierung. Sie wollen wissen warum was wie geschieht oder etwas von einem verlangt wird. Informationslücken führen dazu, dass man sich das Fehlende durch Phantasien ersetzt. Diese Phantasien passen aber oft mit der Realität nicht zusammen. Beispiel: Setzt man eine Handlung und das vis-á-vis reagiert darauf nicht, dann kann man sich vielleicht schnell ausmalen, dass die eigene Handlung unpassend gewesen ist, peinlich oder beleidigend und man macht sich Gedanken, was den anderen verletzt haben könnte. Tatsächlich könnte es sich aber um Unsicherheit des vis-á-vis handeln oder Ängste auf dessen Seite. Auch Kinder füllen ihre Wissenslücken mit Phantasien auf – zum Beispiel über den Grund der Scheidung der Eltern oder die Weise wie Kinder zustande kommen.

Besonders für ältere Generationen ist es oft schwer den Kindern wichtige Informationen zu geben. Oft ist man selbst in der Weise erzogen worden, dass der einzige Grund, der einem genannt wurde, warum eine Grenze gesetzt wurde, der war, weil der Vater es gesagt hat. Kinder wie Erwachsene zeigen aber Verständnis für Notwendiges und Nützliches und zeigen Widerstand gegen unbegründete Machtdemonstrationen.

Und noch ein weiterer wichtiger Aspekt im Zusammenhang mit Grenzen. Immer wieder hört man die Forderung nach strengeren Grenzen gegenüber Kindern und Jugendlichen, die sich nicht im Sinne des Gemeinwohles verhalten. Geht es um dissoziale Charakterzüge, dann haben wohlgemeinte und klare Grenzziehungen sicher ihre Richtigkeit und Notwendigkeit. Vergessen wird jedoch oft eines, dass ausagierte Aggressionen meist ein Zeichen von Angst sind. Man schlägt lieber selbst zu (und wird damit aktiv) bevor man wartet bis man selbst geschlagen wird (und passiv verweilt). Die Erfahrung zeigt, dass wenn man bei Aggressoren der Ursache für ihre Aggression auf den Grund gehen möchte, oft ganz verängstigte und verletzte Persönlichkeiten findet. Würde man aber solchen Menschen einfach nur Grenzen vor die Nase halten, dann würden sie sich wieder bedroht fühlen und wieder mit Aggression reagieren. Solche Menschen brauchen eher den lang ersehnten geschützten Raum, um ihre Ängste und Erlebnisse zu bearbeiten und um Ruhe zu finden.

ad 3: Förderliche Grenzen

Anschließen an das eben behandelte sind noch weitere innere Erlebniswelten von Kindern zu berücksichtigen, wenn es um das Setzen von Grenzen geht. So ist zum Beispiel der Entwicklungsstand des Kindes ganz entscheidend, ob und welche Grenze in welcher Form überhaupt Sinn macht oder nicht. Besonders bei kleineren Kindern werden immer wieder Grenzen gesetzt bzw. Erwartungen in sie gesetzt, die sie unmöglich erfüllen können. In der Arbeit mit Eltern wird dann oft klar, dass sie sich ihr Kind bereits älter und vernünftiger wünschen und mit dem jetzigen Alter wenig anfangen können. Besonders deutlich wird dies auch immer wieder zur Zeit der Reinlichkeitserziehung.

Der Mensch verarbeitet seine Eindrücke auf verschiedene Weise und besonders Kinder wählen manchmal Formen, die von den Erwachsenen nicht verstanden werden. Dann glaubt man schnell Grenzen setzen zu müssen. So etwa die Verarbeitung von Erlebnissen durch die Regression. Regression bedeutet, dass man einfach auf den Stand von früheren Entwicklungsphasen zurückgeht. So machen zum Beispiel Kinder, die schon Sauber waren beim Schuleintritt wieder in die Hose oder ins Bett, oder Erwachsene werden in schwierigen beruflichen Situationen krank und lassen sich zu Hause pflegen und verwöhnen. Es ist eher schädigend, wenn einem Kind die Möglichkeit der Regression durch zu starre Grenzen genommen wird. Andererseits würde es wenig Sinn machen Eltern rein kognitiv folgendes zu erklären: Wenn ihr Kind merkt, dass es hin und wieder einen Schritt oder zwei zurück machen darf und sich erholen kann, dann macht es leichter 3, 4 oder 6 Schritte vorwärts. Wenn Eltern es nicht aushalten plötzlich wieder ein babyhaftes Verhalten an ihrem 6jährigen zu sehen, dann bedarf es einem Ernst-Nehmen ihrer Ängste und einem Begleiten durch schwierige Entwicklungsphasen. Eine soeben angesprochene Begleitung durch schwierige Phasen in der Erziehung und Entwicklung von Kindern bietet die psychoanalytisch pädagogische Erziehungsberatung an.

Wie immer Ihre Situation mit Ihrem Kind ist, wenn Sie sich unsicher fühlen und Unterstützung zu bestimmten Fragen bräuchten, dann nehmen Sie einfach mit mir Kontakt auf.