Die achtjährige Lisa hat eine Hortpädagogin, die sie wirklich in ihr Herz geschlossen hat. Sie malt ihr Bilder, ja ganze Bilderbücher, schreibt ihr Briefe und aus dem Urlaub auch mal eine Ansichtskarte. Sie kennen sich seit drei Jahren und man kann sagen, dass Lisa in diesem Hort und bei dieser Hortpädagogin gut angebunden hat. Auch die Eltern von Lisa haben eine gute Verbindung zur Pädagogin, man plaudert immer wieder beim Abholen oder bei den monatlichen Elterncafes im Hort. Die Werthaltungen von Hort und Eltern passen über weite Strecken gut zusammen. Mit anderen Worten, eine Situation, die man sich besser nicht wünschen könnte.

Aber dann, aber dann …

(Zitat aus dem kleinen Ich bin Ich ~ …stört der Laubfrosch seine Ruh und fragt das Tier wer bist denn du?)

Der Vater von Lisa holt Lisa eines Tages vom Hort ab. Lisa ist mürrisch, kurz angebunden und schaut traurig bis böse. Wenn der Vater fragt was den los sei, bekommt er entweder keine Antwort oder Lisa boxt ihn in die Seite. Alle Versuche Lisa zum Reden zu bringen scheitern und es ist nicht möglich ein Spiel oder sonst eine entspannte Atmosphäre herzustellen. Eine Stunde später sitzen die beiden beim Abendessen. Während sie die Pizza essen, beginnt Lisa zu erzählen, dass zwei Kinder im Hort Geburtstag gehabt haben und dass die beiden je ein Spiel für den Hort mitgebracht hätten. Lisa habe nach der Lernstunde ein Spiel hergenommen und begonnen es aufzubauen. Dabei sei Lisa ein Teil abgebrochen, sie habe das Spiel wieder zusammengepackt und ins Regal zurückgestellt. Der Vater meint dazu, dass dies nicht so gut gewesen sei. Daraufhin fängt Lisa bitterlich zu heulen an. Sie bringt fast kein Wort mehr heraus, die Tränen rinnen ihr über die Wangen und tropfen auf die Pizza und sie kann sich kaum noch beruhigen. Der Vater meint, dass es so schlimm doch auch nicht sei und sie solle sich mal schnäuzen und beruhigen. Danach erzählt Lisa, dass sie solche Angst habe, es der Hortpädagogin zu sagen. Dieser schreie so viel mit den Kindern, zwar nicht mit ihr aber mit allen anderen. Und sie schreie sogar, wenn etwas unabsichtlich passieren würde. Sie sei ungerecht und bösartig. Die Hortpädagogin ist für Lisa zu einem bedrohlichen Monster geworden und ihre Schilderungen sind so plastisch, dass sogar der Vater gedanklich fast schon ins wanken gerät. In der Phantasie wird es für den Vater schon fast möglich, dass die Pädagogin wirklich ein ganz schlimmer Mensch sei. Dann holt sich der Vater das bisherige Bild wieder in Erinnerung, die Bilder und Briefe, die die Lisa der Pädagogin geschrieben hat. Habe er diese Pädagogin so verkannt, so falsch eingeschätzt?

Der Vater vereinbart mit Lisa, dass er in zwei Tagen Zeit habe und dann mit Lisa und der Pädagogin sprechen werde. Lisa ist damit einverstanden. Zwei Stunden später, als Lisa im Bett liegt und schon einschlafen sollte, ruft Lisa noch einmal nach dem Papa. Sie traue sich morgen nicht in die Schule, der Papa solle früher mit der Pädagogin sprechen. Als der Vater meint, dass sie morgen gleich in der Früh zu ihr gehen werden, ist Lisa beruhigt und schläft bald ein.

Am nächsten Morgen gehen die beiden in den Hort (dort gibt es auch einen Kindergarten und deshalb ist die Hortpädagogin auch schon in der Früh im Haus). Die Pädagogin reagiert wie man es aus der bisherigen Erfahrung erwarten hätte können. Sie zeigt sehr viel Verständnis, meint, dass das doch gar nicht so schlimm sei und man es sicher kleben könne und außerdem sei gar nicht sicher, ob es nicht vielleicht auch einem anderen Kind abgebrochen sei.

Als Lisa an diesem Tag vom Hort abgeholt wird, ist sie wieder die Alte, fröhlich und freundlich und sogar fast ein bisschen überdreht; wie wenn man gerade ein Monster besiegt habe und noch im Freudentaumel sei.

Was war geschehen? Oder wo die wilden Kerle wohnen.

Mit etwa sechs Jahren, sprich gegen Ende, jener Phase in der Buben phantasieren die Mama einmal zu heiraten und Mädchen den Papa anhimmeln, beginnt sich das so genannte Überich zu etablieren. Das Überich ist jene Instanz, die sich aus den Moralvorstellungen und Verboten der Umgebung des Kindes zusammen setzt. Vorläufer dieses Überichs gibt es natürlich auch schon früher, aber in dieser Zeit macht diese Entwicklungen einen großen Schritt. Durch die Entwicklung des Überichs kommt das Kind mehr in die Lage, moralisch und verantwortlich zu handeln ohne unbedingt eine äußere Autorität dazu zu benötigen, die ihm ständig sagt was erlaubt und was verboten ist. Diese Werte und Moralvorstellungen stehen jedoch immer im ständigen Austausch mit der jeweiligen psychischen Situation und Entwicklung des Kindes. Sprich, gibt es etwas, was für das Kind besonders reizvoll ist und dies aber moralisch sehr verworfen scheint, dann wird der Kampf zwischen Wunsch und Verbot sehr heftig innerhalb der Psyche des Kindes ausgetragen. Vor der Etablierung des Überichs hat das Kind noch mehr mit seinem Umfeld gekämpft, jetzt trägt es die Kämpfe vermehrt mit sich selbst aus. Also um so größer das Verlangen etwas Verbotenes zu tun, um so mehr Energie braucht es, um sich davon abzuhalten. Diese Wertsysteme sind also im entstehen. Sprich man muss sie auch immer wieder ausprobieren. Sind die moralischen Verbote und Werte zu rigide gilt es dem Kind Toleranz vorzuleben, damit die Sanktionen nicht zu brutal ausfallen. Etabliert sich bei einem Kind überhaupt ein zu strenges Überich, dann sollte dem Kind psychologisch/pädagogische Hilfe zur Seite gestellt werden, damit diese zu große Strenge verändert werden kann. Denn niemand kann sich Wünschen, dass sein Kind zwar alle Regeln einhält sich aber dafür vor sich selbst so fürchtet, dass es sich nichts mehr machen traut. Dies ist etwas, was in der Geschichte von Lisa zum Tragen kommt. Lisa ist etwas passiert, was sie in einen inneren Zwiespalt gebracht hat. Sie wollte die Liebe zur Hortpädagogin nicht verlieren, deswegen hat sie das Spiel schnell versteckt. Ihr Gewissen aber hat ihr auch vor Augen geführt, dass sie etwas angestellt hat, was bereinigt werden müsste. Dieser Zwiespalt belastet sie so, dass sie die Hortpädagogin gleich zum Monster macht und sich selbst zum Opfer und damit unfähig wird, selbst einen Ausweg zu finden. Sie brauchte also jemanden der mit ihr mit dem Monster in Kontakt kam.

An der Geschichte von Lisa sieht man aber auch sehr schön, wie Psychodynamik funktioniert. Das eigene Überich, das eigene Strenge wird hinausprojiziert, so dass Lisa glaubt, dass die Pädagogin das Monster ist. Sie merkt nicht, dass es die eigenen Wertvorstellungen sind, die in ihrer Phantasie die Pädagogin angenommen hat. Diese Geschichte soll als Beispiel dienen für viele alltägliche Situationen in denen das gleiche passiert. Und wenn hier davon die Rede ist bedeutet dies nicht den Erzählungen der Kinder keinen Glauben mehr zu schenken, sondern ganz im Gegenteil, sich mit dem Kind gemeinsam auf die Suche zu machen, was denn nun eigentlich wirklich los ist und wie dieses Problem wirklich gelöst werden kann. Denn Tatsache ist auch in der Geschichte von Lisa, dass man nicht dabei blieb und Lisa ob ihres unmöglichen Verhaltens noch dazu bestraft hat, sondern dass man den Grund für das Verhalten sehr wohl aufgespürt hat und dort geholfen hat, worum es eigentlich gegangen ist.

Sie werden sich vielleicht denken, na selbstverständlich geht man so vor. Ich möchte zu bedenken geben, dass dies bereits ein analysierter Fall ist und das dieser Fall nicht deshalb so leicht zu lösen war, weil das Problem so gering war, sondern weil man bis zum Ausgangpunkt gegangen ist. Sprich oft ist es einfach so, dass man in der Phase stecken oder stehen bleibt, in der das Kind ein unmögliches Verhalten an den Tag legt. Was natürlich schon stimmt ist, dass sobald man den eigentlichen Grund herausgefunden hat, die Lösung nicht mehr schwer ist.

Die Geschichte von Lisa hätte auch ganz anders weitergehen können. Zum Beispiel hätte die Schilderung des Kindes den Elternteil wirklich dazu veranlassen können, sich über die Qualifikation der Pädagogin ernsthafte Gedanken zu machen. Diese Gedanken hätten mit anderen Eltern ausgetauscht werden können, bis eine ganze Front von Eltern gegen diese Pädagogin zusammengekommen ist. Damit wäre auch einhergegangen, dass Lisa erlebt, dass die Pädagogin wirklich auch für andere Erwachsene zum Monster geworden ist. Es sind jedoch die projizierten eigenen Phantasie die zum Monster geworden sind. Sprich dann wohnt das Monster in ihr.

Es hätte auch dazu kommen können, dass das Kind aus der Gruppe herausgenommen wird. Und auch in diesem Fall wäre Lisa mit dem schlechten Gewissen und ihrem inneren Zwiespalt alleine geblieben.

Sie glauben, diese möglichen anderen Enden der Geschichten seien sehr an den Haaren herbeigezogen?

Ich brauche nur an Kinder in Scheidungssituationen denken. Das Kind ist aus verschiedenen Wahrnehmungen zu dem Gefühl gekommen, dass es Schuld an der Trennungen der Eltern ist (keine all zu seltene Phantasie bei Kindern). Als das Kind beim Besuch beim Vater ist, verbietet der Vater dem Kind etwas. Dadurch könnten die Schuldgefühle des Kindes aktiviert werden und der Vater wird zum Monster. Dieses Bild bringt das Kind der Mutter und schon überlegt die Mutter, ob es wirklich zu verantworten ist, dass das Kind noch einmal zu diesem schrecklichen Vater geht. (Szenarien mit denen man immer wieder in der Scheidungsberatung zu tun hat.)

Noch etwas zeigt die Geschichte sehr gut, nämlich eine Bestätigung der Grundregel, dass alles was in der Wahrnehmung an Informationen fehlt durch die eigene Phantasie aufgefüllt wird. Und dass die eigene Phantasie meist schlimmer ist als die Realität. Als Lisa die Reaktion der Hortpädagogin miterleben durfte haben sich alle Phantasien in nichts ausgelöst und dem Kind ist es wieder sehr gut gegangen. Auch dies soll nur als ein Beispiel dienen, welches man in unzählige andere Situationen transferieren kann. Nehmen wir ein simples Beispiel: Als Erwachsener hat man einen schweren Tag gehabt, Stress und viele Ungerechtigkeiten erfahren. Am Abend möchte man nur noch “zurück ins Ei” (also seine Ruhe haben) und man reagiert dem Kind gegenüber äußerst gereizt. Dem Kind fehlt zu meist die Information, dass es einem schlecht geht und Ruhe braucht und diese Informationslücke könnte leicht damit aufgefüllt werden, dass wiedereinmal die Mama oder der Papa den kleinen Bruder viel lieber haben als einen selbst.

Solche Geschichten wie die von der 8jährigen Lisa können immer wieder auftreten. Kindern könnten auch mit solchen Monstern aus er Schule in den Hort kommen, wo es schon darum geht nachzuschauen, ob der oder die Lehrer/in wirklich ein Monster ist, oder ob es aus der Phantasie des Kindes kommt. Aber in beiden Fällen wäre es angebracht dem Kind Tipps zu geben wie es mit dem Monster (real oder phantasiert) umgehen kann.